Über das Forschungsprogramm

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte wissenschaftliche Projekt wird in Kooperation zwischen der Goethe-Universität Frankfurt (Prof. Dr. Mareike Kunter, Koordination), der Universität Duisburg-Essen (Prof. Dr. Detlev Leutner), der Westfälischen Wilhelms-Universität (Prof. Dr. Ewald Terhart, 1. & 2. Förderphase), dem Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (Prof. Dr. Jürgen Baumert, 1. Förderphase) sowie der Technischen Universität München (Prof. Dr. Tina Seidel, 2. & 3. Förderphase) durchgeführt und untersucht das bildungswissenschaftliche Wissen von Lehramtsstudierenden als eine Facette ihrer professionellen Kompetenz.

Da die bisherigen Haupterhebungen von BilWiss exemplarisch im Land Nordrhein-Westfalen (NRW) stattfanden, wurde das Projekt mit dem Ministerium für Schule und Weiterbildung und dem Ministerium für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie in NRW abgestimmt. Das Ministerium für Schule und Weiterbildung hat sich bei weiteren Zusatzstudien, die in das Projekt eingebettet sind, finanziell beteiligt (Studie zu Curriculum-Analysen: Terhart, Lohmann & Seidel, 2010; Studie zu Studienseminar-Analysen: Neu-Clausen, Demski & van Ackeren, 2010). Ebenfalls wurde eine Evaluationsstudie des reformierten Vorbereitungsdienstes in NRW durchgeführt.

Bei Diskussionen über die Verbesserung der Lehrerbildung wird besonders häufig das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis thematisiert. Oft wird dabei sowohl seitens der angehenden Lehrkräfte als auch seitens der Ausbilder(innen) argumentiert, speziell die universitäre Phase sei zu praxisfern und umfasse zu viele Inhalte, die für die spätere Berufsausübung irrelevant seien. Dieser Vorwurf betrifft vor allem den sogenannten bildungswissenschaftlichen Anteil, d. h. die fachunspezifischen Studieninhalte aus der Erziehungswissenschaft, Psychologie, Soziologie oder Politologie. Dieser Studienteil wird häufig als inhaltlich beliebig und wenig kumulativ wahrgenommen. Allerdings gibt es bisher keine Studien, die tatsächlich untersuchen, welche Bedeutung das bildungswissenschaftliche Wissen für die spätere Berufspraxis hat. Ein Problem der bisherigen Forschung war, dass es keine Studien gab, die bildungswissenschaftliches Wissen in ihrer gesamten Breite längsschnittlich und durch geeignete Messverfahren direkt bei den Absolvent(inn)en erfassen.

Hier setzt das Forschungsprogramm „Bildungswissenschaftliches Wissen als Teil professioneller Kompetenz in der Lehramtsausbildung (BilWiss)“ an. Ausgehend von psychologischen Theorien zum Wissensaufbau wird angenommen, dass die im Rahmen der universitären Ausbildung erworbenen wissenschaftlichen Inhalte eine grundlegende Bedingung für die Bewältigung der späteren praktischen Anforderungen sind. Zur Prüfung dieser Annahme wurde in einem ersten Schritt ein theoretisch und empirisch basiertes Modell erstellt, das definiert, welche Inhalte zentrale Bestandteile bildungswissenschaftlichen Wissens sind. Dies ermöglichte die Entwicklung eines Messinstruments, das es erlaubt, das konzeptuelle Wissen und begriffliche Situationsverstehen von Lehramtsanwärter(inne)n explizit und direkt zu erfassen (BilWiss, Projektphase 1).

Die Frage nach der tatsächlichen Praxisrelevanz der erfassten bildungswissenschaftlichen Inhalte wurde mittels einer Längsschnittstudie ermittelt, in der die professionelle Entwicklung der angehenden Lehrkräfte während des Vorbereitungsdienstes bis zum erfolgten Berufseinstieg untersucht wurde (BilWiss-Beruf, Projektphase 2).

Derzeit wird das Forschungsprogramm im Rahmen der Projektphase 3 (BilWiss-UV) fortgeführt. Der Fokus liegt dabei zum einen darauf, durch verschiedene Untersuchungsansätze Hinweise auf die Validität der mit dem Wissenstest erhobenen Werte zu ermitteln, zum anderen darauf, die Entwicklung des bildungswissenschaftlichen Wissens während des Lehramtsstudiums sowie dessen langfristige Erträge im Beruf zu untersuchen.

Im Rahmen des BilWiss-Forschungsprogramms wurde des Weiteren im Auftrag des Ministeriums für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen eine Evaluationsstudie durchgeführt (BilWiss-Evaluation), deren Gegenstand eine erste Untersuchung der Reform des Vorbereitungsdienstes in Nordrhein-Westfalen darstellt.

Abbildung 2: Forschungsprogramm BilWiss im Überblick

 

Hintergrund und Fragestellung

 

Kompetenzmodell

Was bedeutet der Begriff professionelle Kompetenz?
Professionelle Kompetenz von Lehrkräften umfasst als wesentliche berufsspezifische Voraussetzung das professionsspezifische Wissen, berufsbezogene Überzeugungen sowie motivationale Orientierungen und berufliche Selbstregulationsfähigkeiten von (angehenden) Lehrkräften. Man geht davon aus, dass diese Aspekte professioneller Kompetenz entscheidend dafür sind, inwieweit Lehrkräfte ihre beruflichen Anforderungen meistern können (Baumert & Kunter, 2006; Kunter, Baumert, Blum, Klusmann, Krauss & Neubrand, 2011).

Entwicklung professioneller Kompetenz
Die Fähigkeit, in der Schule Unterrichts- und Bildungsarbeit in hoher Qualität zu leisten, ist das Ergebnis eines professionellen Entwicklungsprozesses. Professionelle Kompetenz und insbesondere das professionsspezifische Wissen können in einem berufsbiografischen Prozess aufgebaut werden, der im Studium beginnt und sich dann über die gesamte Berufskarriere hinweg fortsetzt (Terhart, 2001).

Grundlage zur Entwicklung professioneller Kompetenz
Im Lehramtsstudium sind neben den Fachstudien, den Fachdidaktiken und den Schulpraktika auch die Lernmöglichkeiten des bildungswissenschaftlichen Studienanteils relevant für die Entwicklung der professionellen Kompetenz von Lehrkräften. An dieses Studienelement richten sich darum früher wie heute besondere Erwartungen (Kultusministerkonferenz, 2004).

 

Bildungswissenschaftliches Wissen

Eine wesentliche Grundlage für den Erwerb von Kompetenzen für das Berufsfeld Schule stellen die Bildungswissenschaften dar. Sie umfassen all diejenigen schulfachunabhängigen Disziplinen, die sich mit Bildungs- und Erziehungsprozessen, mit dem Bildungssystem sowie mit deren Rahmenbedingungen auseinandersetzen (Kultusministerkonferenz, 2004).

Kritik an der Effizienz der bildungswissenschaftlichen Studien - Theorie vs. Praxis
Inwieweit kann professionelle Kompetenz im Rahmen der Lehrerbildung aufgebaut werden? Zahlreiche Studien (z.B. Abel & Faust, 2010; Terhart, Bennewitz & Rothland, 2011) beziehen sich vor allem auf die Kritik angehender Lehrkräfte sowie ihrer Ausbilderinnen und Ausbilder über das Theorie-Praxis-Verhältnis und die Verteilung einzelner Studieninhalte. Die universitäre Ausbildung umfasse zu viele Inhalte ohne klaren Bezug zur späteren Berufstätigkeit (Terhart, 2000; Lersch, 2006; Schubarth & Pohlenz, 2006).

 

Ansatz des Forschungsprogramms BilWiss - Wissen statt Meinung

Bestehende Studien basieren überwiegend auf querschnittlichen Befragungen von Studierenden und Ausbildungskräften im Vorbereitungsdienst, die den Praxisnutzen von Studienangeboten einschätzen sollen. Die Lehramtsanwärter(innen) bewerten dabei ihre Kompetenzen oder ihr Wissen selbst und geben an, wo sie am effektivsten gelernt haben – im Studium oder im Vorbereitungsdienst. Das Problem bei dieser Art der Befragung ist folgendes: Wird die Qualität einer Lehrveranstaltung als niedrig eingestuft, z. B. durch einen monotonen Lehrstil, so wird auch der Inhalt der Lehrveranstaltung als weniger relevant und nützlich eingestuft. Auch liegen möglicherweise Vergessenseffekte vor. Der in der Psychologie bekannte „schon-immer-gewusst-Effekt“ beschreibt, dass Menschen in der Rückschau oft nicht gut beurteilen können, wann sie etwas Neues gelernt haben.

Jenseits von Selbstauskünften liegen kaum Forschungsarbeiten darüber vor, welchen Nutzen bildungswissenschaftliches Wissen langfristig für die Praxis hat. Somit eignen sich diese Studien nur begrenzt, um die tatsächliche Bedeutung bestimmter Inhalte auszuweisen: Es reicht nicht zu erfragen, in welchen Bereichen und in welchem Ausmaß man sich selbst als kompetent einschätzt. Vielmehr sind geeignete diagnostische Verfahren notwendig, um objektiv zu ermitteln, wo die Kompetenzen tatsächlich liegen und in welchem Umfang sie ausgeprägt sind.

Die Zielsetzung des BilWiss-Projekts ist es, schlüssige Aussagen über die praktische Relevanz von bildungswissenschaftlichen Wissensinhalten zu ermöglichen, auf der Grundlage einer direkten und expliziten Erfassung dieses Wissens, um es dann zum tatsächlichen beruflichen Handeln in Relation bringen zu können.

Grundhypothese der BilWiss-Studie(n)
In der Diskussion um die Lehrerbildung wird oft „mehr Praxis“ und „weniger Theorie“ gefordert. Aus Lernpsychologischer Sicht macht es jedoch wenig Sinn, diese beiden Ansprüche gegeneinander auszusprechen. Vielmehr zeigt die Forschung, dass theoretisches Wissen eine Grundlage für die Lösung komplexer Probleme sein kann. Wir untersuchen daher in BilWiss die folgende Grundhypothese.

Bildungswissenschaftliche Inhalte stellen einen begrifflichen Rahmen dar, den Lehrkräfte benötigen, um Unterrichts- und Schulereignisse angemessen zu reflektieren und so für die Bewältigung beruflicher Anforderungen zu nutzen und ihre eigene berufliche Handlungsfähigkeit zu verbessern.

Dem liegt die Annahme zu Grunde, dass das Universitätsstudium den Aufbau einer Wissensstruktur ermöglicht, die die Bewältigung beruflicher Aufgaben, zum Beispiel beim Unterrichten, aber auch anderen beruflichen Handlungsfeldern wie Beratung oder Kooperation unterstützt.

BilWiss erforscht die zentralen Fragen:

  • Wie viel und welches bildungswissenschaftliche Wissen haben Lehramtsanwärter(innen), wenn sie die Universität verlassen?
  • Welche Bedeutung hat dieses Wissen für die berufliche Entwicklung im Vorbereitungsdienst und in der Berufseingangsphase?
  • Werden das berufliche Handeln und berufsbezogene Reflexion durch das bildungswissenschaftliche Wissen beeinflusst?

 

 

Literatur

Abel, J., Faust, G. (Hrsg.) (2010). Wirkt Lehrerbildung? Antworten aus der empirischen Forschung. Münster: Waxmann.

Baumert, J. & Kunter, M. (2006). Stichwort: Professionelle Kompetenz von Lehrkräften. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 469–520.

Kultusministerkonferenz (16. Dezember 2004). Standards für die Lehrerbildung: Bildungswissenschaften. Abgerufen am 30. April 2013 von http://www.schulministerium. nrw.de/ BP/Schulrecht/Lehrerausbildung/Standards-Lehrerbildung.pdf

Kunter, M., Baumert, J., Blum, W., Klusmann, U., Krauss, S., Neubrand, M. (2011). Professionelle Kompetenz von Lehrkräften, kognitiv aktivierender Unterricht und die mathematische Kompetenz von Schülerinnen und Schülern (COACTIV) – Ein Forschungsprogramm. Münster: Waxmann.

Lersch, R. (2006). Lehrerbildung im Urteil der Auszubildenen. Eine empirische Studie zu beiden Phasen der Lehrerausbildung. Zeitschrift für Pädagogik (51. Beiheft), 164-181

Neu-Clausen, M., Demski, D. & van Ackeren, I. (2010). Die bildungswissenschftlichen Anteile der Studienseminarprogramme in Nordrhein-Westfalen. Eine vergleichende Bestandsaufnahme und Analyse. Abschlussbericht. Essen: Universität Duisburg-Essen.

Schubarth, W., Pohlenz, P. (Hrsg. ) (2006). Qualitätsentwicklungen und Evaluation in der Lehrerbildung: die zweite Phase. Das Referendariat. Potsdam: Universität Potsdam

Terhart, E., Bennewitz, H., Rothland, M. (Hrsg.) (2011). Handbuch der Forschung zum Lehrerberuf. Müntser: Waxmann.

Terhart, E., Lohmann, V. & Seidel, V. (2010). Die bildungswissenschaftlichen Studien in der universitären Lehrerbildung – Eine Analyse aktueller Studienordnungen und Modulhandbücher an Universitäten in Nordrhein-Westfalen. Münster: Westfälische Wilhelms-Universität Münster.

Terhart, E. (Hrsg.) (2000). Perspektiven der Lehrerbildung in Deutschland. Abschlussbericht der von der Kultusministerkonferenz eingesetzten Kommission. Weinheim: Beltz 2000.

Terhart, E. (2001). Lehrerberuf und Lehrerausbildung. Forschungsbefunde, Problemanalysen, Reformkonzepte. Weinheim: Beltz