Zusatzstudie BilWiss-Evaluation

„Evaluation des reformierten Vorbereitungsdienstes in Nordrhein-Westfalen“

 

 

  Abbildung 9: Forschungsschwerpunkt BilWiss-Evaluation

Um die Qualität des Schulsystems und des Lehrerbildungssystems zu verbessern, wurden in NRW seit 2009 Neuerungen in der Ersten und Zweiten Phase der Lehrerbildung eingeführt. Die Reform des Vorbereitungsdienstes zielt dabei – neben Qualitätsverbesserung – auf eine Vergleichbarkeit der Lehrerbildung und der Bewertungsmaßstäbe an den verschiedenen Standorten in NRW ab. Diese Zusatzstudie ist gefördert durch das Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen.

Die Neuerungen, die am 1. August 2011 in Kraft getreten sind, beziehen sich vor allem auf die Dauer der Ausbildung. Der reformierte Vorbereitungsdienst wurde von 24 auf 18 Monate verkürzt. Um möglichen Qualitätseinbußen der Ausbildung durch die Verkürzung des Vorbereitungsdienstes vorzubeugen, wurden einige inhaltliche und strukturelle Neuerungen durch das zuständige Ministerium eingeführt. Zum einen zielen diese auf einen stärkeren Praxisbezug der Ausbildung (Handlungsfeldorientierung) ab (Brinkmann & Kropp, 2012; Wehrhöfer, 2013). Das bedeutet, dass sich die Ausbildung am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung (ZfsL) mit der Reform stärker an den tatsächlichen Handlungsfeldern von Lehrkräften orientieren soll (siehe Abbildung 10). Die Arbeit in den Seminaren soll dabei durch ein an diesen Handlungsfeldern ausgerichtetes Kerncurriculum erleichtert werden (Gerdes & Annas-Sieler, 2011; Linnerz-Anselm & Morell, 2012).

 

Abbildung 10: Handlungsfelder der Ausbildung am Zentraum für schulpraktische Lehrerausibldung (Gerdes & Annas-Sieler, 2011)

Zum anderen soll mit einer deutlicheren Personenorientierung die individuelle persönliche und professionelle Entwicklung der angehenden Lehrkräfte gefördert werden (MSW, 2010). Dazu wurden Perspektivgespräch, fachbezogene und überfachliche Ausbildungsberatung, ein Portfolio Praxiselemente, personenorientierte Beratung mit Coaching-Elementen und selbstgesteuerte Lerngruppen eingeführt.

Die zeitliche Überschneidung des BilWiss-Projekts mit der Einführung des reformierten Vorbereitungsdienstes eröffnete die Möglichkeit, die Implementierung der neuen Ausbildungselemente und die Auswirkungen des reformierten Vorbereitungsdienstes auf die professionelle Entwicklung der Lehrkräfte in einer quasi-experimentellen Feldstudie empirisch zu untersuchen. Der Auftrag der durch das Ministerium für Schule und Weiterbildung an das Bilwiss-Projektteam bezog sich vorwiegend auf die Fragen nach der Veränderungen des reformierten Vorbereitungsdienstes, sowie der daraus resultierenden Effekte auf die angehenden Lehrkräfte.

Implementationsüberprüfung
Zunächst sollte innerhalb der Evaluation überprüft werden, inwieweit die Implementierung der neuen Ausbildungselemente im ersten Ausbildungsdurchgang nach Einführung der Reform geglückt ist. Da zum Zeitpunkt der Evaluation noch nicht alle neuen Elemente der Reform implementiert waren, wurden lediglich die Elemente Eingangs- und Perspektivgespräch, personenorientierte Beratung mit Coaching-Elementen sowie die selbstgesteuerten Lerngruppen bezüglich ihrer quantitativen Umsetzung (Sichtstrukturen) und ihrer qualitativen Beurteilung (Tiefenstrukturen) evaluiert.  Dazu wurde eine Stichprobe der Kohorte Lehramtsanwärter(innen), die als erste den reformierten Vorbereitungsdienst durchliefen, sowie deren Haupt- bzw. Kernseminarleiter(innen) an den ZfsL befragt.

Wirksamkeitsüberprüfung
Im Rahmen einer Wirksamkeitsüberprüfung sollten die Effekte des reformierten Vorbereitungsdienstes auf Aspekte der professionellen Kompetenz (Professionswissen, Überzeugungen, Motivation, Selbstregulation), das professionelle Handeln (Unterrichten, Erziehen, Beurteilen und Innovieren) und das berufliche Wohlbefinden (Emotionale Erschöpfung) der Lehramtsanwärter(innen) untersucht werden. Dafür wurden ebenfalls Daten der Kohorte Lehramtsanwärter(innen), die als erste den reformierten Vorbereitungsdienst durchliefen, genutzt und mit der Kohorte, die als letzte den bisherigen Vorbereitungsdienst durchlief, verglichen.

Die Stichprobe der Kohorte, die als letzte den bisherigen Vorbereitungsdienst durchlief, ist die Stichprobe, die im Rahmen des BilWiss-Forschungsprogramms schon in den Projektphasen BilWiss und BilWiss-Beruf erhoben wurde (im Folgenden Kohorte 1 genannt). Um die Fragestellungen der Evaluation beantworten zu können, wurde außerdem eine Stichprobe der Kohorte Lehramtsanwärter(innen), die als erste den reformierten Vorbereitungsdienst durchliefen (im Folgenden Kohorte 2 genannt), zu mehreren Zeitpunkten erhoben (siehe Abbildung 11). Die beiden Kohorten begannen zu verschiedenen Zeitpunkten mit dem Vorbereitungsdienst (Kohorte 1 = Anfang 2011; Kohorte 2 = Ende 2011), beenden diesen jedoch durch die Verkürzung zu einem ähnlichen Zeitpunkt (Anfang 2013).

    Abbildung 11: Erhebungsphasen

 

Erhebung am Anfang des Vorbereitungsdienstes

In Kohorte 2 haben 511 Lehramtsanwärter(innen) zu Beginn ihres Vorbereitungsdienstes analog zu Kohorte 1 den BilWiss-Wissenstest mit dem gesamten Itempool im Multi-Matrix-Design und einen Fragebogen bearbeitet. Des Weiteren wurden im Rahmen dieser Erhebung die Kernseminarleiter(innen) der Lehramtsanwärter(innen) befragt.

 

Erhebung am Ende des Vorbereitungsdienstes

Für Kohorte 2 fand die zweite Erhebung am Ende des Vorbereitungsdienstes im April 2013 statt. Diese erfolgte mit allen Kernseminaren, die auch zu Beginn des Vorbereitungsdienstes teilgenommen hatten. Es nahmen 386 angehende Lehrkräfte teil. Neben der Bearbeitung der bereits genannten Instrumente bearbeitete die Kohorte 2 zusätzlich spezifische Fragen zum reformierten Vorbereitungsdienst. Des Weiteren wurden im Rahmen dieser Erhebung die Kernseminarleiter(innen) der Lehramtsanwärter(innen) befragt.

 

Erhebung zwei Jahre nach Berufseinstieg

Eine genaue Beschreibung dieser Erhebung befindet sich unter der Projektbeschreibung von BilWiss-Beruf.

 

Erste Befunde der Evaluation

Die folgenden Befunde beziehen sich auf Ergebnisse der Erhebungen zu Beginn und zum Ende des Vorbereitungsdienstes. Die Daten der Berufseinstiegserhebung sind in die folgenden Befunde noch nicht eingeflossen. Weiterführende Analysen, die diese Erhebung ebenfalls berücksichtigen und langfristige Effekte des reformierten Vorbereitungsdienstes über den Vorbereitungsdienst hinaus untersuchen, stehen derzeit noch aus.

Implementationsüberprüfung
Die neuen Elemente im Vorbereitungsdienst konnten größtenteils bereits im ersten Jahr nach der Einführung erfolgreich umgesetzt werden. Die Implementierung der Handlungsfeldorientierung macht sich in der Arbeit im Kernseminar deutlich bemerkbar und wird von den Kernseminarleiter(inne)n und den Lehramtsanwärter(inne)n als zufriedenstellend beurteilt. Auch das neue Eingangs- und Perspektivgespräch und die personenzentrierte Beratung mit Coaching-Elementen wurde von der Mehrheit der Lehramtsanwärter(innen) in Anspruch genommen und als positiv beurteilt. Als problematisch wurde lediglich die zeitliche Umsetzung der Neuerungen beurteilt. Vor allem das Eingangs- und Perspektivgespräch war durch zeitlichen Druck gekennzeichnet und konnte nicht in allen Fällen wie geplant in den ersten sechs Wochen durchgeführt werden.

Wirksamkeitsüberprüfung – Vergleich zwischen Kohorte 1 und Kohorte 2
Aufgrund des Multi-Matrix-Designs der ersten Erhebung, wurden nicht alle teilnehmenden Lehramtsanwärter(innen) zu allen Kompetenzaspekten befragt. Daher beruhen die im Folgenden dargestellten Ergebnisse teilweise auf sehr kleinen Stichproben und sind gegebenenfalls verzerrt. Dies sollte bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden.

Im Ergebnis zeigen sich mehrheitlich parallele Entwicklungen beider Kohorten. In beiden Gruppen entwickelten sich professionelle Überzeugungen und motivationale Orientierungen im Verlauf des Vorbereitungsdienstes auf günstige Weise. Ebenso zeigen sich für die Bereiche berufliche Entwicklung und berufliches Verhalten/Erleben gleiche Verläufe in beiden Kohorten. D. h. beide Kohorten nehmen im Kompetenzbereich gleichermaßen zu. Dies ist insofern nennenswert als dass es trotz der zeitlichen Verkürzung offensichtlich gelungen ist, einen dadurch möglicherweise entstehenden negativen Effekt durch qualitative Verbesserungen abzufangen. Es ließen sich keine spezifischen Einbußen durch die Umstellung verzeichnen. Auch im selbstberichteten professionellen Verhalten in den Bereichen Unterrichten, Erziehen, Beurteilen und Innovieren ließen sich in den beiden Gruppen keine Unterschiede feststellen. Die emotionale Erschöpfung war in beiden Kohorten generell niedrig ausgeprägt und nahm mit der Zeit ab. Diesbezüglich erwies die Kohorte 1 allerdings als weniger erschöpft als die Kohorte 2, was vor dem Hintergrund geringer Fallzahlen in der Kohorte 1 mit Vorsicht zu interpretieren ist.

Insgesamt weisen die Ergebnisse darauf hin, dass es gelungen ist, trotz der zahlreichen Umstellungen und möglichen Verunsicherungen im ersten Umsetzungsjahr der Reform die Ausbildungsqualität auf einem mindestens vergleichbaren Niveau wie im Vorjahr zu halten. Berücksichtigt man bei diesem Befund die besondere Umbruchsituation und die Tatsache, dass noch nicht alle Elemente des neuen Ausbildungskonzepts zum Untersuchungszeitpunkt vollständig umgesetzt und etabliert waren, so ist mit einer günstigen Entwicklung in Zukunft zu rechnen. Die ersten Befunde lassen vermuten, dass das neue Ausbildungskonzept zu einem späteren Zeitpunkt, wenn die Reformphase endgültig abgeschlossen und Klarheit über die Vorgehensweise herrscht, ein erfolgreiches Mittel zur Förderung professioneller Kompetenz und professionellen Verhaltens darstellen.

Wirksamkeitsprüfung - Neue Ausbildungselemente
Die Ergebnisse zeigen, dass es vor allem auf die Qualität der Ausbildungselemente ankommt. Bei der Beurteilung der Qualität des Eingangs- und Perspektivgesprächs in Bezug auf die Gesprächsatmosphäre und Zielverfolgung, zeigen sich bedeutsame Zusammenhänge mit verschiedenen motivationalen und selbstregulativen Variablen als auch mit dem Wohlbefinden der Lehramtsanwärter(innen) und einigen Dimensionen des professionellen Verhaltens. Beim der personenorienitierten Beratung mit Coachingelementen leistete die Nutzungshäufigkeit keinen entscheidenen Beitrag. Stattdessen erwies sich vor allem die erlebte Empathie und Wertschätzung durch die Kernseminarleitung als relevant für den eigenen Unterrichtsenthusiasmus und der Dimension Erziehen des professionellen Verhaltens. In Bezug auf die selbstgesteuerten Lerngruppen zeigen die Ergebnisse bedeutsame positive Zusammenhänge mit der wahrgenommene Unterstützung durch Peers sowie der Selbsteinschätzung auf einzelnen Dimensionen des professionellen Verhaltens. Darüber hinaus erwies sich vor allem die wahrgenommene Unterstützung der Lerngruppenbildung durch das ZfsL als relevant.

 

Literatur

Brinkmann, H. & Kropp, U. (2012). Der reformierte Vorbereitungsdienst. Die neue Staatsprüfung. Schule NRW, 126–128.

Gerdes, R. & Annas-Sieler, D. (2011). Der reformierte Vorbereitungsdienst. Neue Lehrerausbildung in NRW. Schule NRW, 454–457.

Kunter, M., Linninger, C., Schulze-Stocker, F., Kunina-Habenicht, O., Lohse-Bossenz, H. (2013). Evaluation des reformierten Vorbereitungsdienstes in Nordrhein-Westfalen. Bericht an das Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen. URL: https://www.schulministerium.nrw.de/docs/bp/Ministerium/Presse/Pressekonferenzen/2014/2014_05_12-Vorbereitungsdienst/03d-BilWiss-Gesamtbericht.pdf margin-left:35.45pt;margin-bottom:.0001pt;text-indent:-35.45pt

Linnerz-Anselm, G. & Morell, V. (2012). Der reformierteVorbereitungsdienst. Zusammenarbeit zwischen Schulen und Seminaren. Schule NRW, 346–348.

Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (2010). Entwurf einer Konzeption für den reformierten Vorbereitungsdienst für Lehrämter an Schulen (Stand: 25. Oktober 2010). Düsseldorf: unveröffentlichtes Dokument.

Wehrhöfer, U. (2013). Lehrerausbildungsreform in Nordrhein-Westfalen gut gestartet! Zwischenbilanz und Perspektive. Schule NRW, 6–9.