Phase 2 BilWiss-Beruf

„Die Bedeutung des bildungswissenschaftlichen Hochschulwissens für den Berufseinstieg von Lehrkräften“

 

Abbildung 6: Forschungsschwerpunkt BilWiss-Beruf

In der zweiten Projektförderphase (2012-2016), die im Rahmen des BMBF-Programms Kompetenzmodellierung und Kompetenzerfassung im Hochschulsektor (KoKoHs) erfolgte, stand die Frage nach der praktischen Handlungsrelevanz des bildungswissenschaftlichen Wissens im Vordergrund, also welche Bedeutung das bildungswissenschaftliche Wissen für die erfolgreiche Bewältigung beruflicher Aufgaben von Lehrkräften hat. Dabei ist davon auszugehen, dass bestimmte bildungswissenschaftliche Inhaltsbereiche auch für unterschiedliche Aufgabenbereiche prädiktiv sind. So sollte ein gutes konzeptuelles Verständnis von Lehr-Lern-Prozessen und Unterrichtsmethoden die Planung von Unterricht erleichtern. Theoretisches Hintergrundwissen über Sozialisations- und Entwicklungsprozesse und den Umgang mit Heterogenität kann Lehrkräften helfen, Schülerinnen und Schüler individuell zu unterstützen, Werte zu vermitteln und zwischenmenschliche Konflikte zu lösen. Wissen über Schul-, Organisations- und Professionalisierungstheorien sollte hilfreich sein, um Schulentwicklungsprozesse sowie die eigene berufliche Weiterentwicklung voranzutreiben. In der Studie BilWiss-Beruf wurde daher eine multikriteriale Perspektive eingenommen, um die erfolgreiche Bewältigung unterschiedlicher Aufgaben des Lehrerberufs zu untersuchen.

 

Erhebung am Ende des Vorbereitungsdienstes

Um diese Vorannahmen zu untersuchen, wurden die Teilnehmenden der Vorgängerphase BilWiss zu einer erneuten Erhebung rekrutiert. So konnten 284 Lehramtsanwärter(innen) im Dezember 2012, am Ende ihres Vorbereitungsdienstes, längsschnittlich verfolgt werden. Der Fokus dieser Erhebung lag auf der Untersuchung des Aufbaus beruflicher Kompetenzen. Hierfür erfolgte folglich keine neue Stichprobenziehung, sondern die Erhebung fand in den Hauptseminaren statt, die an der ersten Erhebung ein Jahr nach Beginn des Vorbereitungsdienstes teilgenommen hatten. Anhand der Ergebnisse der BilWiss-Hauptuntersuchung aus der ersten Projektphase wurde aus dem umfangreichen Itempool des BilWiss-Tests zum bildungswissenschaftlichen Wissen eine Kurzfassung des Wissenstests entwickelt, die aus 57 Items besteht und Aufgaben aus allen sechs Dimensionen beinhaltet und damit eine ökonomische Erfassung aller Dimensionen des bildungswissenschaftlichen Wissens ermöglichen soll. Die BilWiss-Untersuchung am Ende des Vorbereitungsdienstes beinhaltete für die Lehramtsanwärter(innen) die Bearbeitung der Kurzform des BilWiss-Wissenstests und die Bearbeitung eines Fragebogens zur Einschätzung weiterer Kompetenzaspekte (berufsbezogene Überzeugungen, motivationale Orientierungen sowie berufliche Selbstregulation). Zur Erfassung der professionellen Unterrichtswahrnehmung wurden die Lehramtsanwärter(innen) zusätzlich gebeten, zu Hause am Observer (siehe unten) teilzunehmen. Darüber hinaus wurden Unterlagen für eine erneute Durchführung einer Unterrichtsbefragung durch Schüler(innen) ausgegeben (analog zur Unterrichtsbefragung der Zwischenerhebung aus Projektphase 1).

Observer
Ein besonderer Schwerpunkt des Projekts liegt darin, computerbasierte Verfahren zu entwickeln, die die Bewältigung beruflicher Aufgaben möglichst handlungsnah erfassen. Hierzu beschränken wir uns auf die Bereiche Unterrichten (Verfahren: Observer) und Beurteilen (Verfahren: Schülerinventar; siehe Zwischenerhebung Projektphase 1).

Um Kompetenzen im Bereich Unterrichten handlungsnah zu erfassen, kommt in der Erhebung am Ende des Vorbereitungsdienstes ein onlinebasiertes computergestütztes videobasiertes Tool zur Erfassung der professionellen Unterrichtswahrnehmung von Lehrkräften Observer zum Einsatz (Blomberg, Stürmer & Seidel, 2011), das bereits in einer Version für Studierende existiert, allerdings für einen Einsatz in Large-Scale-Kontexten im Rahmen von „BilWiss-Beruf“ erweitert wurde. Im Observer werden kurze Videosequenzen zu verschiedenen Unterrichtssituationen präsentiert und dazu mehrere geschlossene Fragen gestellt hinsichtlich verschiedener Aspekte professionellen Unterrichtswahrnehmung (z. B. Beschreiben, Erklären, Vorhersagen in Bezug auf konkrete Situation). Die Richtigkeit der Antwort wird mittels des Vergleichs der Teilnehmenden mit den Antworten einer Expertenstichprobe ermittelt.

Das Ziel der Erweiterung des Tools Observer war die Entwicklung eines ökonomischen und reliablen Instruments zur Erfassung professioneller Unterrichtswahrnehmung. In der Erweiterung wurde die Wissensanwendung über alle Bereiche eines prozessorientierten Models von Unterrichtsgestaltung (Zielklärung, Orientierung, Ausführung von Lernaktivitäten, Regulation und Evaluation) gespannt. Die Unterrichtsvideos sowie zugehörige Items wurden adaptiert sowie z. T. neu entwickelt. Die Erhebung am Ende des Vorbereitungsdienstes trägt zur Überprüfung der Messgüte des Tools bei.

 

Erhebung zwei Jahre nach dem Berufseinstieg

Im Rahmen von „BilWiss-Beruf“ wurden die angehenden Lehrkräfte weiterhin längsschnittlich verfolgt. Auch bei dieser Erhebung zwei Jahre nach dem Berufseinstieg wurden die Teilnehmer(innen) aus den bisherigen Studien rekrutiert. Somit kann zu diesem Zeitpunkt auf einen Längsschnitt zurückgegriffen werden, der über vier Messzeitpunkte verfügt.

Es erfolgte eine Erhebung mit 199 Teilnehmer(innen) im Herbst 2014. Dazu wurden alle Lehrkräfte per E-Mail kontaktiert, die bei der Erhebung am Ende des Vorbereitungsdienstes ihre Zustimmung zu einer weiteren Befragung gegeben und ihre E-Mail-Adresse zur Verfügung gestellt haben. Die Teilnehmerzahl setzt sich zusammen aus den Personen der bestehenden Längsschnittuntersuchung sowie Teilnehmern des reformierten Vorbereitungsdienstes (siehe BilWiss-Evaluation). Erhoben wurden ebenfalls die Kurzform des BilWiss-Tests zum bildungswissenschaftlichen Wissens sowie ein Fragebogen zur Einschätzung weiterer Kompetenzaspekte (berufsbezogene Überzeugungen, motivationale Orientierungen sowie berufliche Selbstregulation). Zur Erfassung der professionellen Unterrichtswahrnehmung wurde erneut der Observer eingesetzt. Zur handlungsnahen Erfassung der Kompetenz im Bereich des Beurteilens wurde erneut der Schülerinventar eingesetzt. Auch wurden die Teilnehmer erneut dazu eingeladen, eine Unterrichtsbefragung ihrer Schüler(innen) durchzuführen.

 

Erste Ergebnisse der Projektphase BilWiss-Beruf

In Bezug auf die Wissensveränderung vom Anfang bis zum Ende des Vorbereitungsdienstes zeigten sich große interindividuelle Unterschiede zwischen den untersuchten Lehramtsanwärter(inne)n. Erste Ergebnisse deuten auf eine signifikante Wissensverbesserung in den Bereichen „Unterrichtsgestaltung“, “Lernen & Entwicklung“ und „Schulorganisation“ am Ende des Referendariats hin. Im Gegensatz dazu wurden in den Inhaltsbereichen „Lehrerberuf als Profession“ und „Diagnostik“ signifikant schlechtere Testwerte gefunden. Diese Wissensverschlechterung kann als Vergessenseffekt interpretiert werden (Kunina-Habenicht et al., 2016).

Weitere Ergebnisse aus der zweiten Projektphase geben Hinweise auf die Bedeutsamkeit des bildungswissenschaftlichen Wissens für professionelles Verhalten von Lehrkräften nach dem Berufseinstieg. So wurde deutlich, dass Personen, die am Ende des Vorbereitungsdienstes mehr bildungswissenschaftliches Wissen im Bereich Schulorganisation aufwiesen, zwei Jahre nach dem Berufseinstieg unabhängig von ihrer beruflichen Motivation mehr proaktives Verhalten im Bereich der Schulentwicklung aufwiesen. Im Berufsalltag wurde dies deutlich, indem sie offener ihre Meinung im Kollegium vertraten sowie mehr Initiative und Verantwortungsübernahme bei schulorganisatorischen Veränderungen zeigten (Linninger et al., 2015). Des Weiteren zeigten Personen, die zwei Jahre nach dem Berufseinstieg mehr bildungswissenschaftliches Wissen aufwiesen, auch Hinweise auf tiefere Verarbeitungsprozesse in Form von mehr Erklärungen bei der Reflexion von Unterrichtssituationen (Linninger et al., 2016). Dies kann als erster Hinweis auf die Gültigkeit der Grundhypothese des BilWiss-Forschungsprogramms interpretiert werden, dass das bildungswissenschaftliche Wissen eine Voraussetzung für die angemessene Wahrnehmung und Interpretation von Situationen im Berufsalltag von Lehrkräften darstellt. Weitere Zusammenhänge zwischen bildungswissenschaftlichem Wissen und Indikatoren einer professionellen Berufspraxis sind Gegenstand derzeitiger Analysen.

 

Literatur

Baumert, J. & Kunter, M. (2006). Stichwort: Professionelle Kompetenz von Lehrkräften. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 469–520.

Blomberg, G., Stürmer, K., Seidel, T. (2011). How pre-service teachers observe teaching on video: Effects of viewers' teaching subjects and the subject of the video. Teaching and Teacher Education, 27(7), 1131-1140.

Bromme, R. (1997). Kompetenzen, Funktionen und unterrichtliches Handeln des Lehrers. In F. E. Weinert (Hrsg.). Psychologie des Unterrichts und der Schule (S. 177-212). Göttingen: Hogrefe.

Kunter, M., Linninger, C., Schulze-Stocker, F., Kunina-Habenicht, O., Lohse-Bossenz, H. (2013). Evaluation des reformierten Vorbereitungsdienstes in Nordrhein-Westfalen. Bericht an das Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen. URL: https://www.schulministerium.nrw.de/docs/bp/Ministerium/Presse/Pressekonferenzen/2014/2014_05_12-Vorbereitungsdienst/03d-BilWiss-Gesamtbericht.pdf margin-left:35.45pt;margin-bottom:.0001pt;text-indent:-35.45pt

Linninger, C., Kunina-Habenicht, O., Leutner, D., Seidel, T., Terhart, E. & Kunter, M. (2015,). Wer zeigt Engagement in der Schule? Individuelle Voraussetzungen proaktiven Verhaltens bei Lehrkräften. Vortrag auf der Fachgruppentagung Pädagogische Psychologie (PAEPS), Kassel.

Linninger, C., Ewald, S., Kunina-Habenicht, O., Stürmer, K., Seidel, T., Kunter, M. (2016): Bildungswissenschaftliches Wissen: Eine Grundlage für gute Unterrichtsreflexion? Vortrag auf der 4. Tagung der Gesellschaft für emiprische Bildungsforschung (GEBF), Berlin.

Tenorth, H.-E. (2006): Professionalität im Lehrerberuf. Ratlosigkeit der Theorie, gelingende Praxis. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 9 (2006) 4, S. 580-597